Das Anschreiben hat einen schlechten Ruf, und zum Teil zu Recht: Viele bestehen aus drei Absätzen, die auf jede Stelle passen würden. Genau das ist das Problem. Ein Anschreiben, das nichts über diese eine Anzeige weiß, kostet Lesezeit und bringt nichts ein.
Wann eines verlangt wird und wann nicht
Zuerst die Frage, die sich viele zu spät stellen: Will der Arbeitgeber überhaupt ein Anschreiben? In der Anzeige steht es meistens. "Vollständige Bewerbungsunterlagen" heißt Lebenslauf, Anschreiben, Nachweise. "Kurzbewerbung" oder "Bewerbung in zwei Minuten" heißt das Gegenteil.
Wo die Bewerbung über ein Formular des Arbeitgebers oder über ein Bewerbermanagementsystem läuft, gibt es das Feld oft gar nicht mehr. Stattdessen werden drei bis fünf Fragen gestellt: Führerschein ja oder nein, Schichtbereitschaft, früheste Verfügbarkeit, Gehaltswunsch. Dann ist der Fall erledigt, und wer trotzdem ein Anschreiben als zusätzliche Datei anhängt, bekommt dafür keinen Bonus. Wie solche Portale mit Ihren Daten umgehen und was ein Profil dort leisten kann, steht in Bewerberportale.
Umgekehrt gibt es Fälle, in denen ein Anschreiben den Unterschied macht:
- Ihr Lebenslauf erklärt sich nicht von selbst, weil Sie aus einer anderen Branche kommen.
- Sie bewerben sich auf eine Stelle, für die Ihnen formal eine Voraussetzung fehlt.
- Sie schreiben ohne Anzeige, also eine Initiativbewerbung.
- Der Weg führt über eine Person, die Sie kennt, und der Text soll den Bezug herstellen.
In allen anderen Fällen gilt: ein knappes Anschreiben oder keines, aber nie ein langes aus Pflichtgefühl.
Ein Sonderfall sind Anzeigen, die nur eine Telefonnummer und den Satz "Melden Sie sich einfach" enthalten. Das kommt bei kleinen Handwerksbetrieben häufig vor und ist ernst gemeint. Wer dort ein Anschreiben mailt und auf Antwort wartet, wartet oft vergeblich, während der Betrieb die Stelle nach zwei Telefonaten besetzt hat. Bereiten Sie in diesem Fall dieselben Punkte vor, die sonst im Anschreiben stünden, und sagen Sie sie am Telefon.
Der erste Satz
Der erste Satz muss zeigen, dass Sie diese Anzeige gelesen haben. Das ist keine Stilfrage, sondern eine Sortierfrage. Wer 60 Bewerbungen auf eine Stelle als Servicetechniker vorliegen hat, liest die erste Zeile und entscheidet danach, ob die zweite folgt.
Brauchbar ist: der Stellentitel wie in der Anzeige, der Standort, wenn der Arbeitgeber mehrere hat, und der Grund, warum diese Stelle und nicht irgendeine. Der Grund darf schlicht sein. "Ich arbeite seit vier Jahren in der Instandhaltung an Verpackungsanlagen und suche eine Stelle im Außendienst, weil ich lieber bei Kunden als in einer Halle arbeite" ist ein guter erster Satz. Er ist wahr, er ist überprüfbar, und er sagt etwas über die Person.
Unbrauchbar ist alles, was mit "hiermit" beginnt. "Hiermit bewerbe ich mich auf die von Ihnen ausgeschriebene Stelle" transportiert exakt null Information: Dass Sie sich bewerben, ist durch den Vorgang selbst bekannt.
Die Referenznummer aus der Anzeige gehört in die Betreffzeile, nicht in den ersten Satz.
Zwei bis drei Punkte, die belegt sind
Der Mittelteil ist keine Zusammenfassung Ihres Lebenslaufs. Er ist eine Antwort auf die Anzeige. Nehmen Sie die Anforderungsliste und suchen Sie die zwei bis drei Punkte, die Sie am besten bedienen. Zu jedem Punkt ein Satz, was Sie gemacht haben, und ein Satz, woran man es sieht.
Ein Beispiel aus der Produktion. In der Anzeige steht: Erfahrung mit Rüstvorgängen, Bereitschaft zur Dreischicht, Staplerschein wünschenswert. Daraus werden drei Sätze:
"Bei meinem jetzigen Arbeitgeber rüste ich zwei Abfüllanlagen selbstständig um, im Schnitt acht Wechsel pro Woche. Dreischicht kenne ich aus den letzten drei Jahren, das ist für mich normal. Den Staplerschein habe ich 2023 gemacht, den Nachweis lege ich bei."
Drei Sätze, drei Punkte der Anzeige, kein Adjektiv. Genau so wird es gelesen. Welche Nachweise Sie mitschicken sollten und welche erst beim Vertrag verlangt werden, klärt Scheine und Nachweise.
Wer eine Anforderung nicht erfüllt, kann das hier in einem Satz aufgreifen, ohne sich zu entschuldigen. "Eine Ausbildung im Elektrobereich habe ich nicht, die Schaltschrankmontage mache ich seit 2022 angelernt und mit Unterweisung nach DGUV Vorschrift 3." Das ist ehrlicher als Schweigen und stärker als eine Ausrede.
Was gestrichen gehört
Ein Anschreiben wird fast immer besser, wenn man kürzt. Streichen Sie:
Selbstbeschreibungen ohne Beleg. "Teamfähig, belastbar, zuverlässig, motiviert" steht in fast jedem Anschreiben und wird deshalb überlesen. Eigenschaften überzeugen nur, wenn eine Handlung dahinter steht. Statt "belastbar" schreiben Sie, dass Sie in der Weihnachtssaison sechs Wochen Zustellung mit erhöhtem Volumen gefahren haben.
Die Wiederholung des Lebenslaufs. Wenn Ihre Stationen im Anschreiben noch einmal in Prosa erscheinen, hat der Leser den gleichen Inhalt zweimal. Der Lebenslauf zeigt den Verlauf, das Anschreiben die Auswahl daraus. Wie Sie den Verlauf ordnen, steht in Lebenslauf: Aufbau.
Lob für den Arbeitgeber. "Ihr renommiertes Unternehmen mit seiner langen Tradition" liest die Personalabteilung über sich selbst und weiß es besser. Wenn Sie etwas Konkretes über den Betrieb wissen, das mit der Stelle zu tun hat, nennen Sie es. Wenn nicht, lassen Sie es weg.
Den Konjunktiv. "Ich würde mich freuen" ist schwächer als "Ich freue mich". "Ich könnte mir vorstellen" heißt, dass Sie es sich nicht vorstellen können.
Der Schluss
Der letzte Satz hat eine Aufgabe: den nächsten Schritt benennen. Dazu gehören, wenn sie nicht schon in der Anzeige verlangt wurden, das früheste Eintrittsdatum und, wenn danach gefragt wurde, die Gehaltsvorstellung als Jahresbrutto. Wie Sie zu einer belastbaren Zahl kommen, steht in Gehalt verhandeln.
Wenn Sie noch in einem Arbeitsverhältnis stehen, nennen Sie das Eintrittsdatum nicht als Wunsch, sondern als Rechnung: Ihre Kündigungsfrist ab dem Monatsende, in dem Sie kündigen würden. Das ist überprüfbar und verhindert eine Zusage, die Sie nicht halten können.
"Über ein Gespräch freue ich mich, ab dem 1. September bin ich verfügbar." Das reicht. Was nicht reicht: "Ich freue mich auf Ihre positive Rückmeldung." Dieser Satz nimmt die Entscheidung vorweg und klingt danach.
Wenn nach zwei bis drei Wochen nichts kommt, ist ein Anruf zulässig und meistens sinnvoll. Wie man ihn führt, ohne zu drängen, steht in Nach der Bewerbung nachfassen.
Form: eine Seite, ein PDF
Eine Seite. Nicht anderthalb. Als Anhaltswert: Anschrift, Datum, Betreff, Anrede, drei bis vier Absätze, Grußformel, Name. Wer mehr braucht, hat den Lebenslauf noch einmal erzählt.
Die Anrede mit Namen, wenn in der Anzeige eine Ansprechperson steht. Steht keine da, ist "Sehr geehrte Damen und Herren" korrekt und unauffällig. Der Nachname wird geprüft: ein falsch geschriebener Name kostet mehr als drei Floskeln.
Ein PDF, kein Word-Dokument, kein Foto vom Ausdruck. Der Dateiname sollte Ihren Namen enthalten, nicht "Anschreiben_final_2.pdf". Wenn Anschreiben, Lebenslauf und Nachweise in eine Datei sollen, dann in dieser Reihenfolge und unter einem Dateinamen, der zeigt, was drin ist.
Handwerk, Produktion, Zustellung, Verkauf
Ein großer Teil der Anzeigen auf diesem Portal kommt aus Handwerk und Produktion, aus der Zustellung, aus dem Filialverkauf und aus der Servicetechnik. Dort gelten andere Maßstäbe als in Verwaltung oder Marketing, und zwar günstigere für Menschen, die nicht gern schreiben.
Entscheidend ist, was jemand bedienen, führen und nachweisen kann: Anlagen und Maschinentypen mit Namen, Steuerungen, Schweißverfahren mit Bezeichnung, Führerscheinklassen mit Buchstaben, Staplerschein, Kranschein, Erste-Hilfe-Ausbildung, Hygieneschulung nach § 43 Infektionsschutzgesetz, Schichtmodelle, die Sie schon gefahren haben. Das sind die Angaben, die eine Einladung auslösen.
Genauso wichtig ist, was Sie nicht können oder nicht wollen, wenn es die Stelle betrifft. Wer keine Nachtschicht fahren kann, wer kein eigenes Fahrzeug hat, wer nur bis zu einer bestimmten Entfernung pendeln will, schreibt das besser hinein als es zu verschweigen. Ein Vorstellungsgespräch, das an einer Bedingung scheitert, die im Anschreiben gestanden hätte, kostet beide Seiten einen halben Tag.
Ein Meister, der eine Stelle besetzt, sucht keine schön formulierte Motivation. Er will wissen, ob er den Bewerber am Montag an die Maschine stellen kann. Schreiben Sie so, dass er das nach zwanzig Sekunden beantworten kann, und Ihr Anschreiben ist gut, auch wenn kein einziger eleganter Satz darin vorkommt.
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